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Denn wissen wir, was wir unterrichten?

Ja klar, hätte ich bis vor kurzem geantwortet. Die Frage «Was ist eine verantwortungsvolle Managementausbildung» sowie die Krux mit dem «versteckten Lehrplan» zeigten mir jedoch, dass das gar nicht so klar ist. Daher ein paar Gedanken zur Implementierung der PRME-Prinzipien an Hochschulen – inspiriert aus dem gleichnamigen Workshop an der Copenhagen Business School diesen Herbst.

Text: Ruth Nieffer

Tritt das Phänomen des «versteckten Lehrplans» auch im Curriculum einer Hochschule auf? Wie weit ist die Implementierung der PRME-Prinzipien in die Lehrpläne unserer Hochschule fortgeschritten?
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Wie weit ist die Implementierung der PRME-Prinzipien in die Lehrpläne unserer Hochschule fortgeschritten?

Der Begriff «versteckter Lehrplan» (hidden curriculum) stammt von dem Kulturanthropologen Philip W. Jackson. 1968 kritisierte er in seinem Buch Life In Classrooms die Institution Schule, das Lehr-Lern-Ambiente sowie die dadurch vermittelten Normen, Regeln und Routinen. Diese «Kräfte» haben auf Kinder und Jugendliche sozialisierende Einflüsse und erzeugen Lerneffekte, die im offiziellen Lehrplan nicht vorgesehen sind – ja sogar mit den offiziellen Lernzielen im Widerspruch stehen können. Unweigerlich stellt sich daher die Frage: Tritt dieses Phänomen auch in den Lehrplänen einer Hochschule auf?

Es gibt kritische Stimmen, die diese Frage bejahen. Während der Finanzkrise 2008 empörte man sich über die Verantwortungslosigkeit der Banker, Financiers, Ökonominnen und fragte: Wer hat ihnen das beigebracht? Die Managementausbildung und mit ihr die Hochschulen gerieten unter Beschuss. «Universitäten bilden Manager aus, die die Geschäftskulturen prägen durch die Art ihrer Ausbildung», so der kritische Blick von Birger P. Priddat, deutscher Ökonom und Philosoph (28 Fragen zur Finanzkrise). Es scheint, was Studierende an Hochschulen lernen, hängt zum Einen von konkreten Bildungsabsichten ab, z.B. welche ökonomischen Theorien und Modelle werden gelehrt, welche (Lern-)Anreize werden geschaffen? Welche Art von Leistung wird benotet? Zum anderen hinterlassen aber auch eher beiläufig auftretende, unabsichtliche Effekte des Dozierendenverhaltens Eindrücke bei den Studierenden.

Dank Maribel Blasco, die an der Copenhagen Business School zum «hidden curriculum» forscht, lernte ich, dass z.B. das Selbstverständnis der Dozierenden als Wissensträger und Wissensträgerinnen eine Rolle spielt oder dass der grössere Gesprächsanteil der Dozierenden in Diskussionen mit Studierenden ebenso wie die Präsentationstechnik keineswegs unwichtig sind. Auch die Frage, studentische Beiträge im Semester benoten ja/nein oder ob das Modul mit 60 oder 180 Arbeitsstunden veranschlagt wird – all diese Aspekte enthalten implizite Botschaften an die Studierenden, was im offiziellen Lehrplan letztendlich von Belang ist oder eben nicht. Die Kraft des «versteckten Lehrplans» ist nicht zu unterschätzen und somit für die Implementierung der PRME-Prinzipien in bestehende und neue Lehrpläne von Studiengängen im Auge zu behalten. Die Herausforderung verteilt sich dabei auf drei Bereiche:

Im Bereich Hochschul-Governance lauert die erste Bewährungsprobe in der Akzeptanz des generellen Konzeptes Responsible Management Education durch die Dozierenden einer Hochschule. Führt nun bei den Studierenden und somit zukünftigen Fach- und Führungskräften eine Ausbildung in verantwortungsvollem Management zu einem kritischen Grundverständnis für die Wichtigkeit von nachhaltiger Entwicklung oder eine verantwortungsvolle Managementausbildung? Sind das sprachliche Spitzfindigkeiten oder eher unterschiedliche Bildungsanliegen, die hier aufeinanderprallen? Das Tauziehen ist noch nicht entschieden…

Ein weiterer Bereich eröffnet sich in der Positionierung und Gewichtung der relevanten Lernthemen im Lehrplan. Gerne verdeutliche ich die beiden Aspekte mithilfe des Korruptionsexperten Dan Ostergaard. Er betont, dass eine verantwortungsvolle Managementausbildung Themen wie Ethik und Compliance im Lehrplan berücksichtigt. Dabei sei es wichtig, diese Themen als Managementthemen zu präsentieren. In die Sprache des «versteckten Lehrplans» übersetzt heisst das so viel wie verortet man den Umgang mit ethischen Konfliktsituationen im formalen Lehrplan in einem «weichen» Fach, verkennt man als Ausbildungsstätte die Bedeutung dieser Themen für den wirtschaftlichen Alltag. Für angehende Fach- und Führungskräfte setzt man damit falsche Zeichen. Denn sie sollten wissen, was künftig zu tun ist…

Als dritter Bereich erweist sich das menschliche Miteinander zwischen Dozierenden und Studierenden als Herausforderung. Lehren wir die Studierenden, sich regelkonform zu verhalten oder Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen? Welche Anekdoten und «Best Practices» erzählen wir, welche nicht und zu guter Letzt, wie gehen wir mit studentischem Feedback um? Eines ist gewiss: Die studentische Sicht in Bezug auf das, was einer verantwortungsvollen Managementausbildung Bedeutung verleiht, weicht meist deutlich von unserer Dozierenden-Sicht ab. Nichtsdestotrotz schenken die Studierenden den Diskrepanzen zwischen dem, was wir als Dozierende sagen wir tun und dem, was wir tatsächlich tun, Beachtung.

Sich die Kraft des «versteckten Lehrplans» bewusst zu machen, hilft zu überprüfen, inwieweit die Implementierung der PRME-Prinzipien an unserer Hochschule fortgeschritten ist. Denn wir sollten tatsächlich wissen, was wir unterrichten.


RUTH NIEFFER
Ruth Nieffer ist Dozentin im Bachelor-Studiengang Betriebsökonomie an der HTW Chur.

Dies ist ein Blog-Beitrag der HTW Chur.

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