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Freiwilligenarbeit und Alterspolitik in der Gemeinde

Ein Projekt des Zentrums für Verwaltungsmanagement ZVM befasst sich mit verschiedenen Fragen rund um das Thema Alterspflege und -betreuung in den Gemeinden. Im Fokus steht dabei die Verbesserung der Koordination existierender formeller und informeller Dienstleistungen in diesem Bereich. Im Rahmen des internationalen FairCare-Projekts wird eine personen- und IT-basierte Netzwerklösung zur gemeinsamen Bewältigung von Angebot und Nachfrage in der Seniorinnen- und Seniorenbetreuung erarbeitet.

Text: Prof. Dominik Just / Bild: Prof. Dominik Just, kursiv

Plattform-Beispiel einer Pilotgemeinde im FairCare-Projekt. Mit dem internationalen FairCare-Projekt sollen formelle und informelle Dienstleistungen in der Alterspflege besser koordiniert werden können.
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Mit dem internationalen FairCare-Projekt sollen formelle und informelle Dienstleistungen in der Alterspflege besser koordiniert werden können.

In der gewohnten Umgebung alt zu werden ist der Wunsch vieler Menschen. Die Wirklichkeit zeigt jedoch, dass der Erhalt der Lebensqualität im letzten Lebensabschnitt in den eigenen vier Wänden zu einer grossen Herausforderung werden kann. Ohne Unterstützung ist dies oft nicht möglich. Bei der Betreuung und insbesondere bei der Pflege von älteren Menschen zu Hause müssen die Angehörigen in einer ersten Phase oft selber einspringen und sich organisieren. Zusätzlich möchten sie in der Regel auch auf die Dienstleistungen von verschiedenen Organisationen zurückgreifen, wie beispielsweise externe Dienstleistungen von stationären Wohn- und Pflegeheimen, mobilen Pflegeservices oder Freiwilligenorganisationen. Die Praxis zeigt, dass die Einsätze der verschiedenen Anbieter oft nicht effizient organisiert sind und die benötigte Entlastung der Familienmitglieder deshalb nicht optimal gewährleistet ist. Informationslücken bei Anbietern und Nachfragern bezüglich lokalen Angeboten erschweren die Situation zusätzlich.

Rolle der Gemeinden
Die Gemeinden haben in diesem System eine schwierige Position. Sie befinden sich an der Schnittstelle zwischen den verschiedenen Anbietern und den Nachfragern nach effektiven Leistungen. Lokale Freiwilligenorganisationen und informelle Freiwilligennetzwerke in den Quartieren arbeiten je nach Gemeinde oder Stadt unterschiedlich und sind oft nicht vernetzt. Auch die professionellen Anbieter sind nicht in allen Gemeinden gleich vertreten. Trotzdem prüfen und bewerten die Seniorinnen und Senioren die Angebote vor Ort und weisen entsprechend auf Missstände hin. Die Gemeinde muss sich deshalb überlegen, ob und wie sie an dieser Schnittstelle agieren will. Oftmals trifft es die Gemeinde, wenn Zahlungsprobleme oder Finanzierungslücken entstehen. Die Aufteilung der Kosten zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden ist in der Schweiz je nach Kanton anders ausgestaltet. Da diese Kosten in den letzten Jahren stark gestiegen sind und in Zukunft keine Entlastung für die Gemeinden absehbar ist, läuft zurzeit in der Politik eine angeregte Diskussion über die zukünftige Aufteilung der Betreuungs- und Pflegekosten von Seniorinnen und Senioren.

Website für Betroffene
Durch den Aufbau einer Plattform im Rahmen des FairCare-Projekts sollen die erwähnten Probleme und Lücken abgebaut werden. Das Projekt sieht vor, dass die Gestaltung der Plattform je nach Land in Abhängigkeit von den dort herrschenden Rahmenbedingungen aufgebaut und betrieben werden soll. In einer ersten Analysephase wurden deshalb diese Rahmenbedingungen untersucht und in diversen Workshops auf internationaler Ebene verglichen. Anschliessend einigte man sich darauf, pro Land jeweils eine situativ angepasste Koordinationsplattform aufzubauen. Auf Schweizer Seite arbeitet man mit sogenannten Pilotgemeinden. Dabei werden die Daten von verschiedenen Gemeinden als Basis eingesetzt. Die Piloten dienen zu einer umfassenden Analyse der Bedürfnisse aller Beteiligten und zur Aufdeckung allfälliger Problembereiche. Gleichzeitig sollen auch die Machbarkeit und spätere Weiterverwendung im Rahmen eines Social-Franchising-Systems geprüft werden.

Erste Prototypen funktionieren so, dass die Gemeinde oder eine regionale Trägerorganisation den Lead übernimmt. Diese richtet eine Koordinationsstelle ein, die mit einer Person besetzt wird. Gleichzeitig wird eine IT-Plattform aufgebaut, die sämtliche Informationen enthält, welche für die operative Umsetzung des Plattform-Konzepts nötig sind. Die Plattform ist in einen externen und einen internen Teil aufgeteilt. Der externe Teil ist öffentlich über die Website zugänglich und dient dazu, möglichst einfach und rasch Informationen für Seniorinnen und Senioren, Angehörige und weitere Interessierte zu liefern. Dieser öffentlich zugängliche Teil der Plattform enthält auch ein einfaches Matching-Tool («Suche/Finde») für unterschwellige Leistungen im Betreuungsbereich.

Datenbank für die Koordination und Beratung
Der interne Teil der Plattform soll in einer Datenbank alle Informationen enthalten, welche für die Koordination und die Beratung der älteren Menschen nötig sind. Dazu gehören Übersichten über die lokalen und regionalen Angebote mit zugehörigen Informationen zu Tarifen und Kosten. Rechtliche Grundlagen, Reglemente, Formulare und weitere Dokumentationen erweitern den Funktionsumfang der Plattform. Eine Schnittstelle ermöglicht zudem die Abfrage über die Region hinaus, wenn weitere FairCare-Beteiligte erfasst sind. Die von der Gemeinde oder einem anderen Träger betriebene Koordinationsstelle kann die interne Datenbank (zusätzlich zur externen) für eigene Zwecke nutzen. Sie ist für die Pflege der Daten verantwortlich.

Das FairCare-Projekt will als Gesamtpaket sämtliche Anforderungen an die Datenbank und die IT-Schnittstellen, aber auch an die Abläufe im Koordinations- und Beratungsbereich definieren und dokumentieren und im Rahmen eines Franchising-Pakets den interessierten Gemeinden, Regionen etc. anbieten.

Die Veränderungen im Bereich Alterspflege und -betreuung sind derzeit rasant. Verschiedene Organisationen bewegen sich mit eigenen Plattformen und Kooperationen momentan genau in die Richtung, welche oben beschrieben wird. Oft sind es jedoch proprietäre Eigenlösungen, welche nur bedingt auf eine optimale Vernetzung aller Angebote abzielen. Die Gemeinden und regionalen Netzwerk-Verantwortlichen können genau an dieser Schnittstelle eine wichtige Funktion übernehmen und bestehende Lücken schliessen.


FairCare-Projektpartner
Universität Innsbruck (AT)(Lead), European Academy of Bolzano EURAC (IT), Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW (CH), Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur (CH), Pannon Business Network Association (HU), Rotes Kreuz Österreich (AT), ASP Servizi Srl (IT), connectedcare services b.v. (NL), SIS Consulting GmbH (AT), Soluciones Tecnológicas para la Salud y el Bienestar TSB S.A. (ES)


DOMINIK JUST, PROF.
Professor, Fachbereichsleiter für Finanz- und Rechnungswesen, Leiter der Vertiefung Accounting and Finance, Projektleiter, Zentrum für Verwaltungsmanagement ZVM

Dies ist ein Beitrag des Magazins Wissensplatz der HTW Chur.

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