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Informationsflut mit «Mut zur Lücke» bewältigen

Text: Karin Huber / Film: Somedia

Das Schweizerische Institut für Informationswissenschaft SII beschäftigt sich mit der Erarbeitung von massgeschneiderten Lösungen für Problemstellungen im Bereich der Produktion, Organisation und Distribution von Information und Wissen. Sebastian Brassel, Leiter Informationsdienstleistungen bei Economiesuisse und Dozent des Lehrgangs «Information Retrieval 2» an der HTW Chur, spricht mit uns über seine Arbeit.

Sebastian Brassel, Sie haben an der HTW Chur das Bachelor-Studium Information Science abgeschlossen, arbeiten seither bei Economiesuisse in Zürich, zuerst als Informationsspezialist, heute als Leiter Informationsdienstleistungen. Sie unterrichten zudem das Modul «Information Retrieval 2» an der HTW Chur.
Ja, wobei sich die von mir abgedeckten Modulinhalte in der Regel auf fünf Termine à vier Lektionen verteilen. Professor Rüdiger Buchkremer übernimmt weitere acht Lektionen.

Warum unterrichten Sie an dem Ort, an dem Sie studiert haben?
Die HTW Chur bietet als einzige Deutschschweizer Hochschule einen Studiengang in Informationswissenschaft an. Aufgrund meiner Vorfahren habe ich zudem eine gewisse Affinität zum Bündnerland. Allerdings finden die Vorlesungen für die Studierenden des berufsbegleitenden Teilzeitstudiengangs jeweils in Zürich statt.

Wie sieht denn Ihr Tagesablauf an der HTW Chur aus?
Da ich hauptberuflich bei Economiesuisse arbeite, bereite ich mich meist abends oder am Wochenende auf die nächste Vorlesung vor. Dank flexibler Arbeitszeiten und eines tollen Teams bin ich in der Lage, die beiden Jobs zu vereinbaren. Insbesondere wenn ich in Zürich unterrichte, wechsle ich innerhalb kurzer Zeit meine Rolle und damit auch mein Vis-à-vis. Studierende treten an die Stelle von verbandsinternen und -externen Kundinnen und Kunden.

Als Vorbereitung auf einen bevorstehenden Vorlesungstermin gehe ich meine Folien durch und aktualisiere sie den neuesten Entwicklungen und neugewonnenen Erfahrungen entsprechend. Insbesondere versuche ich, die Übungsaufgaben jeweils den aktuellen Themen aus Wirtschaft und Politik anzupassen. Im Anschluss an eine Vorlesung korrigiere ich dann allfällige Fehler und Schwachstellen meiner Unterlagen und versuche, offene Fragen der Studierenden zu beantworten.

Nach Informationen zu suchen und die richtigen zu finden, ist nicht einfach. Wie gehen Sie vor?
Grundsätzlich hängt das Vorgehen von diversen Faktoren ab. Diese umfassen beispielsweise Zweck und Hintergrund einer Recherche, Zeitdruck, Typ Kund/in, Thema sowie verfügbare Quellen und Budget. Wenn immer möglich, versuche ich im direkten Gespräch mit der Kundin bzw. dem Kunden eine kurze Informationsbedarfsanalyse durchzuführen. Dann wähle ich eine Recherchestrategie und setze eine Suchanfrage mit validem Syntax und den notwendigen Suchoperatoren auf. Die erhaltene Trefferliste gilt es kritisch zu beurteilen, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Meist lässt sich die Suchanfrage iterativ optimieren, bis man schliesslich die relevanten Treffer selektieren und speichern kann. Idealerweise notiert man sich auch die dazugehörige Suchanfrage.

Was genau vermitteln Sie Ihren Studierenden in diesem Bereich? Welche Systeme setzen Sie ein?
Im Unterricht üben wir dieses Vorgehen anhand von fiktiven, doch praxisnahen Szenarien und Suchaufträgen. Dabei verwenden die Studierenden diverse Presse- und Fachdatenbanken aus den Bereichen News, Politik, Wirtschaft und Naturwissenschaft. Davon sind die meisten via Swissuniversities, dem Verein universitärer Hochschulen, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen der Schweiz, lizensiert. Ich weise jedoch auch bewusst auf frei verfügbare Informationsquellen hin.

Was fasziniert Sie im Besonderen an der Informationswissenschaft?
An meinem Beruf fasziniert mich einerseits die Interdisziplinarität und andererseits die thematische Vielfalt und Unabhängigkeit. Erstere manifestiert sich auch im Studiengang, der beispielsweise Inhalte aus BWL, Kommunikation, IT und empirischen Sozialwissenschaften umfasst. Der zweite Punkt gründet darin, dass Informationswissenschaftler und Informationswissenschaftlerinnen in den unterschiedlichsten Branchen und Disziplinen beschäftigt sind.

Wir werden von Informationen überflutet: 100-200 E-Mails täglich, Nachrichten, Zeitungen, Internet-Infos, Job-Infos, Magazine, Bücher, Lehrmittel etc. Wie sollen wir damit umgehen, wie diese Flut begrenzen?
Im Sinne der Informationskompetenz sollten wir erstens lernen, die Informationsmenge mittels Retrievaltechnologien und -methoden zu filtern und so auf die persönlichen Bedürfnisse zu reduzieren. Zweitens hilft es enorm, die relevanten Informationsanbieter und -quellen zu kennen und somit zu wissen, wo welche Informationen (wieder) zu finden sind. Kombiniert mit Methoden und Tools der Wissensorganisation befähigt uns dies, die «Informationsflut» zu bewältigen und einen vernünftigen «Mut zur Lücke» zu bewahren. Bezogen auf die in Ihrer Frage genannten Medien hiesse das: irrelevante E-Mails löschen oder ablegen, unnütze Newsletter stornieren, sich auf ausgewählte Medienerzeugnisse fokussieren, in Sachbüchern und Zeitschriften anhand des Inhaltsverzeichnisses einzelne Kapitel selektieren.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Und was hat Ihre Persönlichkeit mit Ihrem Beruf zu tun?
Ich bin neugierig, interessiert am Zeitgeschehen und stille gerne die Informationsbedürfnisse meiner Kundinnen und Kunden. Ein detektivischer Scharfsinn und der professionelle Gebrauch von Recherchetools und -techniken haben mir zu meinem doch eher speziellen Job verholfen – quasi auf der Bugwelle des Informationszeitalters.


SEBASTIAN BRASSEL

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