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Die Digitalisierung von Kinderzeichnungen

Heutzutage werden Kulturgüter nicht mehr nur langfristig aufbewahrt, sondern können dank Digitalisierung einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich gemacht werden. Das Schweizerische Institut für Informationswissenschaft (SII) unterstützt im Rahmen eines Lotteriefonds-Projektes die Digitalisierung von 50 000 Kinderzeichnungen des letzten Jahrhunderts.

Text: Michael Aschwanden / Bild: Stiftung Pestalozzianum

Digitalisierung von Kulturgut: Einordnung

Wie in dieser «Wissensplatz»-Ausgabe ersichtlich, ist «Digitalisierung» zurzeit ein beinahe inflationär verwendetes Schlagwort. Die einen verstehen darunter die Veränderung der Geschäftsmodelle, beeinflusst durch die Entwicklung neuer Technologien. Andere sehen darin eine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch den vermehrten Einsatz von Automatisierung und Robotik. Andere wiederum die Simulation komplexer Wechselwirkungen an Bauobjekten. Wir am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft (SII) verstehen darunter auch die Transformation von Kulturgütern sowie die daraus resultierenden digitalen Nutzungsszenarien.

Im Kontext von Gedächtnisinstitutionen wird bei der Digitalisierung oft von Kulturgütern gesprochen. Institutionen wie Archive, Bibliotheken und Museen beherbergen wahre Schätze einzigartiger Objekte wie Gemälde, Fotografien, Tonbandaufnahmen, Filmrollen etc. Lange Zeit waren diese Quellen nur Forschenden bekannt oder nur sie erhielten Zugang zu ihnen. Einerseits haben diese Institutionen die Pflicht, ihre Objekte langfristig und sicher aufzubewahren, andererseits besteht auch immer häufiger ein Druck, die Objekte einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen. Mit anderen Worten: Die Kulturgüter müssen für die unterschiedlichsten Anspruchsgruppen digitalisiert und in diverse, singuläre Kulturportale eingespeist werden. Im Zuge der massenhaften, qualitativ hochwertigen Digitalisierung entstehen erhebliche Datenmengen, welche auch langfristig gespeichert und abrufbar sein sollten.

Mädchen, 12 Jahre, „In der Schule“, Schulzeichnung, Bleistift und Aquarell, 1937 (Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung, Stiftung Pestalozzianum) Junge, 14 Jahre, „Das Emmentaler Bauernhaus“ (Wettbewerb von Stalden Creme), Bleistift, Aquarell und Gouache, 1964 (Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung, Stiftung Pestalozzianum) Mädchen, 9 Jahre, Ohne Titel, Schulzeichnung, Bleistift und Farbstift, um 1940 (Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung, Stiftung Pestalozzianum)
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Junge, 14 Jahre, „Das Emmentaler Bauernhaus“ (Wettbewerb von Stalden Creme), Bleistift, Aquarell und Gouache, 1964 (Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung, Stiftung Pestalozzianum)

Kinderzeichnungen – ein Kulturgut?

Viele von uns haben sicher noch irgendwo auf dem Dachboden oder in vergessenen Ecken von Schränken eigene Zeichnungen aus der Schulzeit eingelagert. Neben dem allenfalls nostalgischen Wert wird diesen Zeichnungen keine grössere Beachtung geschenkt. Stellen Sie sich nun aber eine Sammlung von 50 000 Kinder- und Jugendzeichnungen vor, die über ein ganzes Jahrhundert gewachsen ist. In diesem Zusammenhang stellen sich plötzlich ganz andere Fragen: Welche Themen beschäftigten damals die Kinder und Jugendlichen? Wie hat sich das Fach «Zeichnen» zum bildnerischen Gestalten weiterentwickelt? Was lässt sich anhand der Zeichnungen über die damalige Gesellschaft herauslesen? Auf einmal wird es möglich, einen Blick in eine frühere Zeit zu werfen, auf Szenarien, die abseits der Geschichtsbücher geschrieben oder wohl eher … gezeichnet wurden.

Genau so eine Sammlung beherbergen in Zürich die Stiftung Pestalozzianum und die Pädagogische Hochschule. Diese umfasst noch teils unerschlossene bildungshistorische Quellen. Zustande kam sie unter anderem durch Nachlässe bekannter Pädagoginnen und Pädagogen sowie Pestalozzi-Forschender und durch den Schweizer Pestalozzi-Kalender-Wettbewerb (1912–1984). Ein vom Lotteriefonds des Kantons Zürich unterstütztes Projekt hat zum Ziel, diese Sammlung zu erhalten, zu erschliessen und nutzbar zu machen. In einer beratenden Funktion zur digitalen Langzeitarchivierung sowie als Umsetzungspartner für das Digitalisierungsvorhaben ist das SII in dieses Projekt involviert. Die Anzahl Objekte und der Qualitätsanspruch stellen die Beteiligten vor neue Herausforderungen.

Digitalisierung und Ziele

Eine Digitalisierung von Kulturgut ist immer mit einem grösseren Aufwand an finanziellen und personellen Ressourcen verbunden. Daher ist es wichtig, schon vor der eigentlichen Digitalisierung das Ziel zu definieren, das damit erreicht werden soll. Wenn dies bestimmt ist, muss in einem nächsten Schritt der Digitalisierungsprozess definiert werden, der für diese Zielerreichung zum Einsatz kommt. Über kurz oder lang wird man bei dieser Definition mit der Herausforderung konfrontiert, wie man diesen Digitalisierungsprozess umsetzt, ohne an Qualität einzubüssen. Damit einher geht dann die Frage, welche Qualitätsmerkmale eigentlich wichtig sind und wie diese überprüft werden können. In einem Digitalisierungsprozess werden an verschiedenster Stelle Hard- und Software eingesetzt, die qualitativ gute Resultate ermöglichen sollen. Dieses Zusammenspiel der einzelnen Komponenten und die Komplexität von Farbmanagement, Auflösung und Speicherformaten bedingen eine Kontrolle und stetige Überprüfung der einzelnen Prozessschritte, um das geforderte Qualitätsniveau zu erreichen und über das gesamte Projekt hinweg zu garantieren. Die Umsetzung der Prozesse spielt bei einem Digitalisierungsprojekt eine zentrale Rolle. Je höher die Qualität sein soll, desto wichtiger wird die Betrachtung der einzelnen Prozessschritte und Analyse ihrer Auswirkungen auf die Qualität.

In einem Digitalisierungsprojekt geht es häufig auch darum, eine grosse Anzahl von Objekten zu verarbeiten. Der Faktor Zeit ist ein weiterer Kostenfaktor – und Qualitätsprüfungen erfordern Zeit. Jeder Prozessschritt ist unter zeitlichen, finanziellen und qualitativen Gesichtspunkten zu betrachten und muss genau durchdacht sein. Ob dieser Aufwand nun betrieben werden soll, hängt also auch wieder von der Zieldefinition des Digitalisierungsprojektes ab.

Ein wichtiges Hilfsmittel bei der Digitalisierungsarbeit für Kulturgüter und zur Erreichung der geforderten Qualität sind Standards, die im Idealfall Normen dafür liefern, was «guter Qualität» entspricht. So sind «Metamorfoze» aus den Niederlanden und «FADGI (Federal Agencies Digital Guidelines Initiative)» aus den USA wichtige Referenzwerke. Sie helfen zu beurteilen, ob ein digitalisiertes Objekt wie bspw. eine Kinderzeichnung die qualitativen Anforderungen erfüllt oder nicht. Standards sind also das eine – bedauerlicherweise erklären sie aber nicht das «Prozedere», um diese Standards zu erreichen.

Lohnt sich die Digitalisierung von Kulturgut überhaupt?

Häufig muss eine Abwägung getroffen werden zwischen dem, was gemacht werden sollte, und dem, was effektiv gemacht werden kann. Eine Digitalisierung um des Digitalisierungswillens allein führt in den wenigsten Fällen zu einem befriedigenden Erfolg.

Die genannten Standards helfen dabei, die Ziele genauer zu spezifizieren und zu überprüfen. Je nach Ziel kann die Verwaltung, Vermittlung, Bewahrung oder Dokumentation von Objekten im Zentrum stehen. Für eine Print-Publikation müssen digitalisierte Bilder z. B. andere Anforderungen erfüllen als bei einer Online-Darstellung auf einer Website. Stolpersteine gibt es also einige, wie zum Beispiel fehlende personelle oder zeitliche Ressourcen oder noch fehlendes fachliches Know-how.

Um wieder zurück auf die Sammlung von Kinderzeichnungen zu kommen: Sie ist in dieser Form etwas Einzigartiges. Einzigartigkeit bedeutet auch Interesse seitens der Öffentlichkeit und der Wissenschaft. Im Gegensatz dazu steht die Bewahrung und Erhaltung dieser Sammlung. Durch die Digitalisierung wird das Ziel verfolgt, beiden Bedürfnissen gerecht zu werden.

Mit seiner Infrastruktur und seinen Mitarbeitenden kann das Digitalisierungslabor am SII für dieses Digitalisierungsprojekt eine fachgerechte Beratung und Umsetzung gewährleisten. Durch Einbezug der Standards und Kontrolle der Prozesse ist es uns möglich, qualitativ hochwertige Produkte zu erzielen. Da an einer Fachhochschule die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis wichtig ist, fliessen die Erkenntnisse aus diesem und anderen Projekten wiederum in unseren Weiterbildungszyklus «Digitalisieren» ein. Dieser Transfer soll es den interessierten und verantwortlichen Personen in Gedächtnisinstitutionen, die sich mit ähnlichen Fragestellungen konfrontiert sehen, ermöglichen, sich der Herausforderung der Digitalisierung und deren Folgen zu stellen. Die Zukunft wartet nicht. Trotz oder auch gerade deswegen gilt es, diese Herausforderung anzunehmen, um Kulturgüter sinnvoll und nachhaltig zu erhalten und – was fast noch wichtiger ist – der Nachwelt einen Zugang zu ihnen zu verschaffen.


MICHAEL ASCHWANDEN
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft (SII)

Dies ist ein Beitrag des Magazins Wissensplatz der HTW Chur.

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