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Mein Smartphone: Erweiterung meiner Sinne oder Fessel meiner Aufmerksamkeit?

RUK– Are you OK? Diese Frage in der Handy-Kurzschreibweise macht Sinn: Mit dem Smartphone können wir unsere Freunde, Familie und andere «Followers» intensiv an unserem Alltagsleben teilhaben lassen. Das Smartphone erweitert unsere Sinnesorgane – wie es der kanadische Medienwissenschaftler Marschall McLuhan bereits in den 1960er-Jahren prophezeit hatte. Das GPS ergänzt unseren Orientierungssinn, das Fitnessarmband unsere Körperwahrnehmung.

Text: Prof. Dr. Matthias Künzler /
Bild: Digital Trends, HTC, Museum für Kommunikation, Nokia, Sharp Corporation

Das Natel A (nationales Autotelefon) ab 1978: das erste Handy in der Schweiz. 8000 Fr. kostete das Gerät, 130 Fr. die Monatsgebühren. Das Natel C machte mobile Telefonie breiten Nutzerschichten zugänglich. Der Endausbau 1990 deckte 95% der bevölkerten Schweiz ab. Der Nokia Communicator 9000 erlaubte den Versand von E-Mails, Fax und ermöglichte eine Verbindung ins Internet. Mit dem SPV brachte HTC bereits 2002 ein Smartphone mit Kamera, Terminkalender, Audioplayer auf Windows Mobile-Basis auf den Markt. Das erste kommerzielle Handy mit Fotokamera (Sharp J-SH04) kam 2000 auf den Markt. Der Durchbruch des Smartphones auf dem Massenmarkt kam mit dem iPhone von Apple 2007.
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Das Natel A (nationales Autotelefon) ab 1978: das erste Handy in der Schweiz. 8000 Fr. kostete das Gerät, 130 Fr. die Monatsgebühren.

Dies eröffnet neue Geschäftsfelder: Das Modelabel Brandy Melville betreibt sein Marketing ausschliesslich über Instagram-Fotoposts. In einem Pilotprojekt ermöglichen es die SBB ihren Pendlern und Pendlerinnen, Migros-Produkte per App im Zug zu bestellen und diese bei der Ankunft am Zürcher Hauptbahnhof in einem Postfach abzuholen.

Von existenzieller wirtschaftlicher Bedeutung ist das Mobiltelefon in manchen Ländern Afrikas. Bauern verhandeln die Preise ihrer Produkte per SMS und können sich die beschwerliche und stundenlange Reise zum nächsten Marktplatz ersparen. Mobile Bargeldsysteme wie M-Pesa erlauben Geldtransaktionen per Sim-Karte und SMS. An manchen Orten wurde damit eine funktionierende Geldverteilung überhaupt erst möglich, was sich direkt im monatlichen Einkommen von Familien niederschlägt: in Ländern wie Kenia ist es dank des Handys um 10% bis 30% gestiegen. Über die Hälfte des weltweiten Geldtransfers über Handys findet in Afrika statt – bereits wird von einem «Handy-Wirtschaftswunder» gesprochen.

Das Smartphone erweitert unsere Wahrnehmung, beeinflusst aber unser Denken. McLuhan wies prägnant darauf hin: «Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.» Zum Positiven und zum Negativen.

Kurzschreibweisen, Foto- und Videoposts ermöglichten neue, kreative und multimediale Ausdrucksformen. In Japan und den USA wurden Romane, die Jugendliche zum Zeitvertreib per SMS oder auf Apps geschrieben haben, in Auflagen von Hunderttausenden verkauft.

Südkorea, eines der fortschrittlichsten Länder im Bereich der Mobilkommunikation, führt uns jedoch die Kehrseiten der technischen Entwicklung vor Augen. Jugendliche kommunizieren dort vor allem visuell und verlernen die Fähigkeit, längere Texte zu lesen, zu interpretieren und zu diskutieren. Ihre Aufmerksamkeitskapazität sinkt. Diese Fähigkeiten sind aber wesentlich, um als Ingenieurinnen und Ingenieure Technologien weiterzuentwickeln oder als verantwortungsvolle Staatsbürgerinnen und -bürger am demokratischen Leben teilzunehmen. Die südkoreanische Regierung hat reagiert: Sie veröffentlicht wichtige Informationen nun auch in Comicform.

Blüht den Schweizer Jugendlichen dasselbe Schicksal? Immerhin besitzen bei uns fast alle Jugendlichen ab 12 Jahren ein Smartphone. Eine Studie zum Handygebrauch der Schweizer Jugend gibt tendenziell Entwarnung: Die Hälfte der Jugendlichen ist nicht suchtgefährdet, lediglich 5% zeigen Anzeichen von Verhaltenssucht. 40% sind «engagierte Nutzer», die viel Zeit mit dem Smartphone verbringen und dieses stark als Zugangsschlüssel zu ihrem sozialen Umfeld nutzen.

Das Gefährdungspotenzial lässt sich erkennen: Dominiert die Betätigung am Smartphone das Denken und Handeln, führt die Smartphone-Nutzung zu Konflikten mit Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten und entstehen ohne Smartphone negative Emotionen, ist Vorsicht angebracht. Das eigene Nutzungsverhalten sollte hinterfragt und der Off-Button öfters betätigt werden. Dies lohnt sich, denn:

Yolo – you only live once!

Am Podium «Mein Handy und ich – Fluch oder Segen» im Rahmen des Wissenschaftscafés wird die Thematik diesen Donnerstag, 7. April 2016, vertieft diskutiert. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos.


MATTHIAS KÜNZLER, PROF. DR.
Prof. Dr. Matthias Künzler ist Forschungsleiter am Institut für Multimedia Production IMP der HTW Chur. Zuvor doktorierte er an der Universität Zürich und war ein Jahr als Gastprofessor an der Freie Universität Berlin tätig. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Medienkonvergenz, dem Schweizerischen Mediensystem im internationalen Vergleich und mit Medienwandel.

Dies ist ein Blog-Beitrag der HTW Chur.

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