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Dank Sharing Economy zu einem neuen Arbeitsmodell

Langsam aber sicher hält die Digitalisierung im Tourismus Einzug. Digitale Butler, intelligente ChatBots, Online-Gästekarten, Buchungsplattformen, Apps für alle erdenklichen Tourismusdienstleistungen und fürs Infotainment: Viele dieser Entwicklungen sind schnell gekommen und sie haben grosse Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch was oft auf den ersten Blick nicht sichtbar ist: Durch viele dieser Tools verändern sich ganze Prozessketten, die im Hintergrund ablaufen und weit weniger ins Auge stechen. Das Projekt Mitarbeiter-Sharing will von den neuen, digitalen Möglichkeiten profitieren, um neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Text: Brigitte Küng / Bild: Brigitte Küng, Verein Mitarbeiter-Sharing

Fachkräfte im Modell Mitarbeiter-Sharing; im Sommer am See, im Winter im Schnee. Fachkräfte im Modell Mitarbeiter-Sharing; im Sommer am See, im Winter im Schnee. Fachkräfte im Modell Mitarbeiter-Sharing; im Sommer am See, im Winter im Schnee.
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Fachkräfte im Modell Mitarbeiter-Sharing; im Sommer am See, im Winter im Schnee.

Sharing Economy bringt neue Geschäftsmodelle hervor

Die Sharing Economy bringt derzeit Geschäftsmodelle hervor, bei denen über digitale Tools Match-Making-Prozesse gesteuert werden, die unterschiedlichste Arten von Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Die Ressourcenallokation erfolgt dadurch effizient, ohne dass sich die Akteure zwingend kennen müssen. Damit solche Sharing-Economy-Geschäftsmodelle funktionieren, müssen ein reales Angebot und eine Nachfrage bestehen. Und es muss ein Allokationsproblem vorhanden sein. War die gemeinsame Nutzung eines Autos vor einigen Jahren noch mit erheblichen logistischen Problemen verbunden, so kann heute alles automatisiert, online und mobil abgewickelt werden: von der Reservation bis hin zum Aufschliessen des Fahrzeugs und der Bezahlung. Dass es funktioniert, zeigen die stark wachsenden Nutzerzahlen bei Mobility Car Sharing und Sharoo. Im Tourismus macht die Peer-to-Peer-Plattform AirBnB von sich reden. Sie bringt Anbieterinnen und Anbieter von einzelnen Zimmern oder ganzen Ferienwohnungen mit potenziellen Mieterinnen und Mietern zusammen und bietet dabei Convenience für beide Seiten. Das Modell ist stark am Wachsen. In der Schweiz gehen bereits rund vier Prozent der Übernachtungen auf das Konto von AirBnB – Tendenz stark steigend.

Mitarbeiter-Sharing im Saisontourismus

Auch im Saisontourismus gibt es die Möglichkeit, den Mechanismus von Sharing-Plattformen zu nutzen. Ein HTW-Team rund um die Autorin hat vor einiger Zeit bei der Analyse der Arbeitslosenstatistiken aus den wichtigsten Tourismuskantonen festgestellt: Die Arbeitslosigkeit im Gastgewerbe und in den tourismusnahen Branchen schwankt saisonal sehr stark. Und sie verläuft in einigen Regionen der Schweiz, wie etwa im Tessin und in Graubünden, beinahe gegenläufig. Dies führt mitunter dazu, dass im Kanton Tessin viele Mitarbeitende aus dem Gastgewerbe just dann (über die Wintermonate) Arbeitslosenentschädigung beziehen, wenn Fachkräfte im Nachbarkanton Graubünden dringend gesucht werden. Umgekehrt schnellen in Graubünden die Arbeitslosenzahlen in die Höhe, sobald die Wintersaison vorüber ist und im Tessin mit den Ostertagen die Saison startet. Ein Bündeln der Sommer- und Winterstellen liegt als Lösungsansatz also auf der Hand. Er würde auf einen Schlag das Fachkräfteproblem lösen, den Mitarbeitenden spannende Ganzjahresperspektiven eröffnen und saisonbedingte Arbeitslosentschädigungen einsparen lassen.

Eigenentwicklung einer Match-Making-Plattform für Saisonstellen

Damit das Bündeln von Sommer- und Winterstellen in einem breiteren Massstab realisiert werden kann, setzte das Projektteam auf ein eigens konzipiertes und entwickeltes Match-Making-Tool, welches Sommer- und Winterstellen bündelt, Arbeitgebende und Arbeitnehmende zusammenbringt und verschiedene Schritte der Kooperation automatisiert (vgl. Abb. 1). Damit das «Matching» erfolgen kann, schreiben Arbeitgebende ihre Saisonstellen auf der Plattform aus. Nun können Arbeitnehmende über die Plattform auf einfache Art und Weise ihre Saisonstellen miteinander kombinieren. Die beiden arbeitgebenden Betriebe treten über die Plattform in einen Dialog und können gemeinsam Mehrwerte für die/den betreffende(n) Mitarbeitende(n) anbieten, z. B. Weiterbildungsangebote.

Abb. 1: Funktionsweise der Mitarbeiter-Sharing-Plattform

Grosses Potenzial

Das Potenzial für den Mitarbeiter-Sharing-Ansatz im Schweizer Tourismus ist gross: Die Hotellerie in der Schweiz hat rund 30’000 Unternehmen. Davon sind mindestens 5’000 stark von Saisonalität betroffen – in vielen Wintersportorten, aber auch in den Seeregionen der Schweiz. Hinzu kommen Gastronomie, Sportschulen und verschiedene tourismusnahe Branchen, welche ebenfalls von Saisonalität betroffen sind. Aber nicht nur die Arbeitgebenden sind am Mitarbeiter-Sharing interessiert, sondern es besteht auch ein Angebot an potenziellen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern: Der Anteil an Saisonmitarbeitenden, die Jahr für Jahr über einen längeren Zeitraum Arbeitslosenentschädigung beziehen, ist gross. Er umfasst im Gastgewerbe in einigen Regionen bis zu 30 Prozent der Arbeitnehmerschaft. Diese saisonal bedingte Arbeitslosigkeit gerät national immer mehr in Kritik, weil selbstredend hohe Kosten bei der Arbeitslosenversicherung daraus resultieren und weil zur gleichen Zeit Fachkräfte in benachbarten Regionen fehlen. Allein in den Kantonen Graubünden und Tessin beläuft sich das Sparpotenzial durch saisonbedingte Arbeitslosigkeit im Gastgewerbe auf rund CHF 30 Millionen pro Jahr. Für die Arbeitnehmenden ist die Einsparung der öffentlichen Hand freilich kein Argument, um anstatt einer Stelle nun zwei Saisonstellen anzunehmen. Eine Befragung im Jahr 2015 bei Saisonmitarbeitenden aus der Hotellerie und Gastronomie hat immerhin ergeben, dass ein Grossteil von ihnen das Mitarbeiter-Sharing-Modell mit je einem Sommer- und Winterjob als spannend einstuft. Abwechslung, Job Enrichment, Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten – dieses Arbeitsmodell scheint ideal auf die Bedürfnisse der Millennials zugeschnitten zu sein, die den Erlebniswert sehr hoch gewichten und den Nine-to-Five-Job schnell als langweilig empfinden.

Go-live Ende 2018

Derzeit befindet sich das Mitarbeiter-Sharing-Projekt noch in der Pilotphase. Bis Ende 2018 wird die Mitarbeiter-Sharing-Plattform Modul für Modul realisiert und gemeinsam mit den Praxispartnern getestet und optimiert. Dann folgt das Go-Live – und das Online-Tool steht ab diesem Zeitpunkt dann auch weiteren Unternehmen offen.


BRIGITTE KÜNG

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Schweizerisches Institut für Entrepreneurship (SIFE), Leiterin, KMU-Zentrum Graubünden

Dies ist ein Beitrag des Magazins Wissensplatz der HTW Chur.

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