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Die Studienrichtung Sport Management – eine sportliche Herausforderung

Auch wenn im Herbst 2016 bereits zum zweiten Mal mit einer vollen Klasse gestartet werden konnte, die Nachfrage nach Studienplätzen das Angebot bei Weitem übertrifft und nach wie vor anhaltend hoch ist und erste Evaluationen der Unterrichtsqualität gute Ergebnisse erbracht haben – die Bachelorstudienrichtung Sport Management und ihr innovatives Blended-Learning-Zeitmodell bleiben eine sportliche Herausforderung. Gründe dafür sind einerseits die Forderung nach neuen didaktischen Konzepten und Methoden, andererseits aber auch das veränderte Lernverhalten und die Erwartungshaltung der aktuellen Studierendengeneration.

Text: Walter Burk / Bild: Walter Burk

Sportökonomie und Nachhaltigkeit von Grosssportveranstaltungen live: Sport-Management-Studierende besichtigen die Downhillstrecke des Mountainbike Weltcups auf der Lenzerheide. Im Herzen des Schweizer Sports: Sport-Management-Studierende lösen in Magglingen ein Aufgabe zum Thema Spitzensportförderung. Marketing live erleben: Sport-Management-Studierende während ihres Besuchs der Zai-Skiproduktion in Disentis. Sport-Management-Studierende erleben als Statistinnen und Statisten für Funktionäre und Fernsehleute die Wettkampfatmosphäre des Diamond League Meetings von Zürich.
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Sportökonomie und Nachhaltigkeit von Grosssportveranstaltungen live: Sport-Management-Studierende besichtigen die Downhillstrecke des Mountainbike Weltcups auf der Lenzerheide.

Am Anfang stand die grosse interne Nachfrage nach der kleinen Vertiefungsrichtung Sports Management (12 ECTS-Punkte) in den Bachelorstudiengängen Tourismus und Betriebsökonomie – und die daraus abgeleitete externe Nachfrage des Marktes nach gut ausgebildeten Sportmanagerinnen und Sportmanagern. Dann kam der Wunsch von Swiss Ski, die Vereinbarkeit von Spitzensport und Bildung über die Stufe der Gymnasial- und Berufsbildung hinaus auszubauen und auch auf Fachhochschulniveau zu ermöglichen.

Daraus entstand 2015 das erste Grundstudium in diesem Fachbereich in der Schweiz, welches die Studienabgängerinnen und -abgänger befähigt, in einem zukunftsträchtigen aber noch zu erschliessenden Berufsfeld Fuss zu fassen. Denn der steigende Stellenwert des Sports in der Gesellschaft und in den Medien erfordert dessen Professionalisierung und damit auch den Einsatz von Sportmanagerinnen und Sportmanagern mit betriebswirtschaftlichen wie auch sportspezifischen Kenntnissen.

Innovative Tradition
So werden in der als Teilzeitstudium ausgelegten Bachelorstudienrichtung Sport Management – schwerpunktmässig während der Assessmentphase (Semester 1 bis 3) – Grundlagenmodule der Betriebsökonomie im Umfang von 90 ECTS-Punkten unterrichtet und in den Semestern 4 bis 8 durch Sportmanagement-Module im gleichen Umfang (inklusive Bachelor-Thesis) ergänzt. Wobei diese Ergänzung eher einer Verzahnung entspricht: Die Betriebsökonomie-Module werden mit Anwendungen aus dem Sport angereichert, genauso wie die Sportmanagement-Module auf den betriebswirtschaftlichen aufbauen und beide Modularten eng mit der Praxis verknüpft sind.

Strukturell wurde das Studium als Blended-Learning-Modell definiert, als didaktisch abgestimmte Verknüpfung von Präsenzveranstaltungen und E-Learning. Blended Learning verbindet die Flexibilität von technologiegestütztem Lernen mit den sozialen Aspekten der Face-to-Face-Kommunikation im Präsenzunterricht oder bei Gruppenarbeiten. Konkret heisst dies, dass die Studierenden sechs Mal pro Semester für eine Präsenzwoche (plus eine Prüfungswoche am Ende des Semesters) nach Chur kommen und sich dazwischen durchschnittlich zwei Wochen lang orts- und zeitunabhängig in freiem und begleitetem Selbststudium neues Wissen aneignen oder dieses anwenden.

Innovativ ist dabei nicht das «Blended»-Lernen als solches – auch in Vollzeitstudiengängen lernen die Studierenden traditionell «vermischt» im Präsenzunterricht und im Selbststudium –, sondern dessen Verhältnis (30 zu 70), mit weniger Präsenzunterricht und der Anreicherung des Selbststudiums durch die Begleitung der Dozierenden.

Maerki_Simon

Mit dieser Studienrichtung habe ich endlich die Möglichkeit, bereits auf Bachelorstufe ein Sport-Management-Studium zu absolvieren. So kann ich mich voll auf den Sport fokussieren und habe trotzdem nach wie vor die Chance, in einem breiten Tätigkeitsbereich zu arbeiten.
Simon Märki, Sport-Management-Student und aktiver Leichtathlet

Neue Lernkultur erfordert neue Lehrkultur
Die HTW Chur nutzt mit diesem Modell, dank ihres didaktischen Blended-Learning-Konzepts, die Chancen der Digitalisierung für die Lehre und möchte mit Blended Learning den Lernerfolg und die Lehrqualität kontinuierlich verbessern. Denn Blended Learning bietet den Studierenden nicht nur die Möglichkeit, individuell und flexibel zu studieren, sondern soll auch die IT-, Selbst(lern)- und Sozialkompetenz der Studierenden und der Dozierenden verbessern und die Zusammenarbeit unter den Studierenden, zwischen Studierenden und Dozierenden sowie unter den Dozierenden fördern.

Doch inwieweit entspricht Blended Learning den wirklichen (Lern-)Bedürfnissen der heutigen Studierenden-Generation? Sind Individualität, Flexibilität, technologiegestütztes Selbststudium und weniger Kontaktunterricht wirklich Charakteristika der Generation Y (Geburtsjahr 1980 – 1995)? Und wie lernt diese Generation bzw. wie will sie unterrichtet werden?

Die Generation Y, für welche der Computer keine Technologie, sondern elementarer Bestandteil des Lebens ist, nimmt Informationen mit hoher Geschwindigkeit auf, bevorzugt Grafiken vor Texten und Gaming vor Logik, arbeitet gerne vernetzt und zieht zufällige Aktivitäten im Internet sowie Videospiele statischer und linearer Arbeit vor. Entscheidend für sie ist es, digital vernetzt zu sein und Multitasking als Lebensgefühl ausleben zu können. Von ihren Lehrenden fordert sie zeitnahe Rückmeldung und Belobigung ein, hat aber keine Toleranz für Verspätung oder Verzögerung (Andreas Belwe, Thomas Schutz, 2014).

Auf den ersten Blick kommt Blended Learning diesen Lernstrategien entgegen, doch konfrontiert eine Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft der Studierenden, die sich aus dem Verhältnis von subjektiver Bedeutsamkeit der Aufgaben und der reflektierten Fähigkeit zu deren Realisierung ergibt, sowie ein anderes Verständnis von Leistung die Lehrenden mit neuen Herausforderungen (Andreas Belwe, Thomas Schutz, 2014).

Überforderung und Sinnfrage
Die Praxis und die über einjährige Erfahrung aus der Pilotphase der Bachelorstudienrichtung Sport Management zeigen: Viele Studierende fühlen sich durch die Modularisierung der Lehre, die aus ihrer Sicht überfrachteten Lehrpläne und die (zu) vielen Aufgaben überfordert. Wenn die empfundene Zeitlast für die von den Dozierenden budgetierten und eingeforderten Lernleistung als zu gross empfunden wird, werden Aufträge priorisiert und nur selektiv erledigt oder Leseaufträge als Vorbereitung auf den Präsenzunterricht teilweise nicht gemacht.

Die Generation Y ist ungeduldig und verlangt die sofortige Erfüllung von Bedürfnissen oder neue Reize. Allerdings flachen diese Reize schnell ab und müssen immer höher geschraubt werden, was zu einer Antriebsinflation führt. Dadurch sinkt der Eigenantrieb, die Abhängigkeit von aussen wächst.

Neue und genügend Reize holen sich die Studierenden im Internet und durch ihr Multitasking während des Lernens. Während sie scheinbar den Ausführungen der Dozierenden folgen, werden Mails beantwortet, wird auf Social-Media-Plattformen kommuniziert oder werden Hausaufgaben (auch diejenigen anderer Module) erledigt oder nachgeholt – ungeachtet dessen, dass es wissenschaftlich belegt ist, dass sich der Mensch beim Neulernen nicht auf zwei Sachen gleichzeitig konzentrieren kann.

Begünstigt wird dieser schnelle Wechsel auch durch die Grundsatzfrage der Generation Y (Englisch «Why?» = «Warum?»), die eine eigentliche Sinnfrage ist: «Worin liegt der Sinn, dies zu lernen?» Ist der Sinn nicht erkennbar oder wird er nicht hinreichend erklärt, wird zügig auf einen anderen Informationskanal gewechselt.

Staeheli_Silvan

Am meisten schätze ich am Studium die gelungene Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis. Ebenso den Blended-Learning-Ansatz, der es mir ermöglicht, meine Zeit flexibel und individuell einzuteilen.
Silvan Stäheli, Sport-Management-Student

Wissenserwerb durch Lesen und Schreiben
Die Gewöhnung der Studierenden – oder besser gesagt ihres Gehirns – an ständig wechselnde Reize führt dazu, dass es ihnen schwerer fällt, sich über eine längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, beispielsweise ein Buch zu lesen. Dazu kommt eine «intellektuelle Legasthenie» der Studierenden, die oft komplexe und abstrakte Texte nicht mehr verstehen (Andreas Belwe, Thomas Schutz, 2014).

Damit wird der Wissenserwerb erschwert – Wissen, mit dem die Generation Y lieber sofort in die Handlung gehen würde, das aber zuerst erworben werden muss, bevor es angewendet werden kann. Auch das Präferieren des Tippens gegenüber dem Mitschreiben im Unterricht sichert nicht, wie erhofft, Wissen, sondern erzeugt in erster Linie Ablenkung.

Demgegenüber steht die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Lesen und Mitschreiben den Lernprozess verstärken. Doch wie können Lehrende angesichts dieser Erfahrungen und Erkenntnisse die Studierenden in ihrem Lernprozess unterstützen? Oder liegt es vielmehr an den Lernenden, diese Erfahrungen und Erkenntnisse auf das eigene Lernverhalten und den eigenen Lernerfolg zu übertragen?

Wyss Sarah

Ich finde das Zeitstudienmodell sinnvoll, um Studium, Arbeit und Sport verbinden zu können. Die Selbstlernphasen lehren mich, mich selber zu organisieren und fördern meine Selbstdisziplin.
Sarah Wyss, Sport-Management-Studentin

Die Lehrperson als Erfolgsfaktor
Eine radikale Lösung wäre, digitale Geräte aus dem Klassenzimmer zu verbannen – mit dem Vorteil, dass damit auch die durch die aufgeklappten Laptopbildschirme erzeugte visuelle Barriere zwischen Dozierenden und Studierenden beseitigt würde. Doch würde dies noch einem technologiegestützten Lernmodell entsprechen?

In der Bachelorstudienrichtung Sport Management haben einige Dozierende wieder von digitaler auf analoge Präsentation der Lehrinhalte umgestellt – mit Erfolg in Bezug auf die Lernergebnisse und positivem Feedback von Seiten der Studierenden.

Mit je 40 Studierenden ist die Bachelorstudienrichtung Sport Management mit sehr grossen Klassen gestartet. Könnten über eine Reduktion der Studierendenzahl die Unterrichtsqualität erhöht und der Lernprozess verbessert werden?

Eine im Jahr 2009 durchgeführte Studie, welche über 800 Metaanalysen und mehr als 50 000 Einzeluntersuchungen auswertete, zeigte auf, dass die Klassengrösse nur einen sehr kleinen, die Lehrperson als Persönlichkeit aber einen bedeutenden Einfluss auf den Lernerfolg hat. Dies bestätigen auch die ersten Unterrichtsevaluationen in den beiden Sport-Management-Klassen. Je besser der Unterricht während der Präsenzphase von den Studierenden erlebt wird, desto eher werden auch Aufträge während der Selbstlernphase für das entsprechende Modul erledigt (vgl. Hattie, 2009, 2013).

Somit liegt es an der Lehrperson, den Lernkanal über die Sinnfrage, über Leistungsaspekte und alle Methoden, die diesen Kanal konstruktiv unterstützen, interessant zu gestalten. Dabei geht es jedoch nicht darum, sich in die Rolle von Verwöhn- und Belohnungstrainerinnen und -trainern drängen zu lassen – es muss auch weiterhin Leistung eingefordert werden.

Remund_Adrienne

Der hohe Praxisbezug unseres Studiums bewirkt ein einfacheres Verständnis des betriebswirtschaftlichen Wissens in Bezug auf die Welt des Sports, was folglich auch wertvoll für die Zeit nach dem Studium ist. Durch die Flexibilität des Studiums wird mir zusätzlich das Absolvieren von Trainingseinheiten, vor allem auf dem Wasser, weiterhin ermöglicht.
Adrienne Remund, Sport-Management-Studentin und Spitzensportlerin (Rudern)

Die Herausforderung bleibt bestehen
Durch die zahlreichen Gespräche mit Studierenden und Dozierenden und dank Unterrichtsbesuchen und -beobachtungen während des ersten Studienjahres konnten didaktisch-methodische Problemfelder erkannt und Optimierungsmassnahmen eingeleitet werden.

Noch aber ist die Bachelorstudienrichtung auf der ersten von mehreren Stadionrunden. Weitere Beobachtungen und Erfahrungen werden notwendig sein, um sicherzustellen, dass das Blended-Learning-Modell dem Lernverhalten unserer Studierenden wirklich entspricht bzw. dass es so gestaltet werden kann, dass diese Zielsetzung erfüllt wird.

Dazu braucht es auch eine zusätzliche Unterstützung der Lehrenden aus der Generation der traditionell Lernenden, damit sie digital Lernende besser verstehen und im Lernprozess begleiten können. Und ein permanentes Hinterfragen dessen, was wir tun: «Tun wir das Richtige – und tun wir es richtig?» Es wird eine sportliche Herausforderung bleiben.


WALTER BURK
Studienleiter Sport Management, Zentrum für Betriebswirtschaftslehre (ZBW)

Dies ist ein Beitrag des Magazins Wissensplatz der HTW Chur.

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