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Steinbock mit Laptop

Auch wenn Expertinnen und Experten sich streiten, ob die Digitalisierung nun als Vierte Industrielle Revolution anerkannt werden soll oder nicht: Die digitale Transformation ist real. Als Hochschul- und Forschungsinstitution sieht sich die HTW Chur in der Pflicht, die Studierenden, die Unternehmen und die Gesellschaft fit für die «Virtuelle Industrielle Revolution» zu machen.

Text: Prof. Jürg Kessler / Bild: Pierina Ryffel / Film: Verlagsgruppe Random House

Die digitale Revolution ist die Basis der Vierten Industriellen Revolution. Zum aufbauenden Verständnis werden die drei vorangegangenen Industriellen Revolutionen erläutert (Schwab, 2016, S. 17). Die Erste Industrielle Revolution hat im Zeitraum von 1760 bis 1840 stattgefunden. Im Vordergrund stand dabei die mechanische Produktion, welche durch die Erfindung der Dampfmaschine und eine effektivere Nutzung der Wasserkraft ermöglicht wurde. Die Eisenbahn als Transportmittel von Rohstoffen und Gütern – losgelöst von Wasserstrassen – erweiterte die geografischen Möglichkeiten. Die Zweite Industrielle Revolution, die sich vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein erstreckte, führte zur Massenproduktion, welche massgeblich durch die Elektrizität als Techno-logieinnovation und das Fliessband als Produktionskonzept bestimmt wurde. Die Dritte Industrielle Revolution begann um 1960 mit dem erstmalig breiten Einsatz von Elektronik und Computertechnologie in den Unternehmen, was zu einer Automatisierung der Produktion führte.

Der Begriff «Industrie 4.0» wurde erstmals an der Hannover-Messe 2011 diskutiert. Für einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die fortschreitende Digitalisierung lediglich eine weitere Phase der Dritten Industriellen Revolution. Doch die tiefgreifenden digitalen Veränderungen im Vergleich zum Zeitraum 1960–2010 rechtfertigen es, von einer Vierten Industriellen Revolution zu sprechen. Diese ist gekennzeichnet durch die Verknüpfung verschiedener Technologien und betrifft sowohl physische, digitale und biologische Sphären. Die daraus abgeleiteten Produktionssysteme nennen sich Cyber Physical Production Systems (CPPS), deren wesentliche Merkmale «intelligente» Systemelemente sind, welche eine Verknüpfung von informations- und softwaretechnologischen mit mechanischen und elektronischen Teilsystemen darstellen und weltweit über eine Dateninfrastruktur vernetzt sind (Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA).

Klaus Schwab belegt in seinem Buch «Die Vierte Industrielle Revolution», warum es richtig ist, nicht nur von einer erweiterten Dritten, sondern einer eigenständigen Vierten Industriellen Revolution zu sprechen. Als ersten Faktor erwähnt er die Geschwindigkeit, mit welcher «neue Technologien ihrerseits neuere und noch leistungsfähigere Technologien hervorbringen». Dies wird insbesondere durch die Vernetzung in verschiedenen Dimensionen ermöglicht. Ein zweiter Grund liegt für ihn in der Breite und Tiefe, denn die Vierte Industrielle Revolution «ändert nicht nur, was wir tun, sondern auch, wer wir sind.» Weiter anerkennt Schwab, dass die Vierte Industrielle Revolution, welche auf der digitalen Revolution basiert, Auswirkungen auf ganze Systeme wie Länder, Unternehmen und Gesellschaften hat.

Geschichte der Digitalisierung

Die Geschichte der Digitalisierung beginnt mit dem mathematischen Binärsystem. Das Binärsystem ermöglichte es überhaupt erst, dass mittels elektronischer Impulsgebung ein Knoten eingeschaltet (1) oder ausgeschaltet (0) wird. Dies bildete die Basis für komplexe elektronische Kalkulationen. Die kommerzielle Nutzung begann gemäss Paul E. Ceruzzi in den Jahren 1945 bis 1956 – und damit noch vor der Dritten Industriellen Revolution (Ceruzzi, 2003). Während der Dritten Industriellen Revolution begann, insbesondere mit der Einführung des Personal Computers (PC), die Dominanz des Einsatzes von Computern – nicht nur für komplexe militärische oder technologische Problemlösungen, sondern auch in Grossunternehmen und KMU. Die Digitalisierung war, wenn auch teuer, immerhin erschwinglich. Mit dem PC begann die Digitalisierung auch den privaten Bereich zu erobern. In den Unternehmen wurden PCs in den Jahren 1981 bis 1995 zu Netzwerken verknüpft und die Kommunikation verlagerte sich auf die elektronische Ebene. Wurden zuerst die Workstations innerhalb der Firmen verknüpft, so fand gegen Ende dieser Phase mit dem World Wide Web (WWW) eine globale Vernetzung statt – sowohl auf Unternehmens- als auch auf Privatebene. Mit der grenzenlosen Vernetzung wurde ein weiterer wichtiger Faktor für die Vierte Industrielle Revolution geschaffen. Anhand einiger Beispiele wird deutlich, wie «selbstverständlich» die Digitalisierung in unsere Berufs- und Privatwelt vorgedrungen ist. Alle, die schon länger in der Arbeitswelt tätig sind, nehmen zur Kenntnis, dass es kaum noch physische Post gibt und dass auch die Bewerbungen ausschliesslich elektronisch erfolgen. Dasselbe stellen wir fest, wenn wir das Recherchieren vor 25 Jahren mit den heutigen Methoden vergleichen: Damals waren die Hand-Bibliothek, wissenschaftliche Publikationen oder Branchenpublikationen sowie einschlägige Zeitungen die wichtigsten Quellen. Über Konkurrenzunternehmen informierte man sich via Jahresbericht und über Angebote mittels Broschüren. Eine Ferienreise wurde im Reisebüro gebucht. Wann waren Sie das letzte Mal an einem Bankschalter für ein alltägliches Bankgeschäft? Beliebig viele weitere Beispiele liessen sich aufführen. Die Digitalisierung hat vor über 70 Jahren mit der Nutzung durch Spezialistinnen und Spezialisten für zumeist wissenschaftliche oder militärische Zwecke begonnen. Die Industrie konnte dies damals allerdings kaum nutzen, so dass der Einsatz von Elektronik und IT erst zur Dritten Industriellen Revolution und damit zur Automatisierung führte. Heute bestimmt die Digitalisierung unsere Tätigkeiten, sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich.

Gefahr oder Chance?

Ist das gut oder schlecht? Können wir vor der Digitalisierung flüchten? Die Beantwortung dieser Fragen sowie deren Beurteilung hängen von vielen Faktoren ab. Wie stark sind wir am Thema interessiert, arbeiten wir mit digitalen Hilfsmitteln oder entwickeln wir diese? Ausschlaggebend für unser Verhältnis zur Digitalisierung ist unsere Einstellung, ob wir die Chancen oder die Gefahren der Digitalisierung in den Vordergrund stellen. Fakt ist, dass wir uns nicht vor der Digitalisierung verstecken oder sie ablehnen können. Die Digitalisierung hat negative Seiten. Von ihr betroffen sind auch künftig heutige Tätigkeitsbereiche und damit aktuelle Arbeitsplätze. Namentlich sind repetitive Arbeiten, welche durch Digitalisierung weitgehend automatisiert ablaufen, davon betroffen. Die Digitalisierung erfordert einen starken Veränderungswillen im Beruf und im Privatleben. Da sie mit rasant hoher Geschwindigkeit fortschreitet, bedingt dies auch rasche Innovationszyklen – sowohl in den Unternehmen als auch innerhalb ganzer Volkswirtschaften. Die Digitalisierung eröffnet laufend grosse Chancen für die Entstehung neuer, anders ausgerichteter Arbeitsplätze. Mit der Digitalisierung und der parallel einhergehenden, beinahe grenzenlosen Vernetzung in Echtzeit werden Distanzen in der Kommunikation bedeutungslos. Dies bietet auch alpinen Räumen neue Chancen, da neue Arbeitsplätze auch in alpinen Räumen entstehen. Initiativen wie «mia Engiadina» zeigen Wege auf, wie auch ausserhalb von metropolitanen Räumen neue Arbeitsplätze, obschon teilweise nur temporär, geschaffen werden. Neben der wichtigen Ansiedelung von Industriebetrieben bewirkt die digitale Revolution mit ihrer Vernetzung auch, dass beispielsweise Dienstleistungszentren von grossen Dienstleistern wie Banken oder Versicherern sehr interessant sind für Regionen wie den Kanton Graubünden. In Bezug auf die Nutzung der digitalen Revolution sind deshalb stets zwei Wege in die gleiche Richtung einzuschlagen: Minderung der negativen Auswirkung der digitalen Revolution und unbedingtes Ausnutzen der Chancen, welche sich dank Digitalisierung ergeben.

Hochschul- und Forschungsinstitutionen in der Pflicht

Die Digitalisierung ist eine Herausforderung, die wir alle annehmen sollten, ja müssen. Deshalb ist es unsere Verpflichtung als Hochschulbildungsstätte, die Studierenden fit für die Digitalisierung zu machen. Ebenso ist es unsere Verpflichtung als Forschungsinstitution, mittels angewandter Forschung Lösungen für die relevanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit mitzuentwickeln. Die HTW Chur verfolgt mit ihrer strategischen Initiative «Digitalisierung» genau diese Stossrichtung. Diese strategische Initiative alleine genügt jedoch nicht. Gemäss Klaus Schwab ist die exponentielle Geschwindigkeit bei der Entwicklung neuer Technologien bezeichnend für die Vierte Industrielle Revolution. Dies gilt erst recht für die Dienstleistungsentwicklung. Damit ein Unternehmen Schritt mit diesen Entwicklungen halten kann, braucht es immer wieder Innovationen. Dies ist der Grund, weshalb unsere zweite strategische Initiative der «Innovation» gewidmet ist. Ein weiterer Faktor, den Klaus Schwab erwähnt, sind die systemischen Auswirkungen der Vierten Industriellen Revolution – und zwar nicht nur auf Unternehmen, sondern auch querbeet auf die Gesellschaft. Nie darf vergessen gehen, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft aus mannigfachen Gründen Schwierigkeiten mit der allgegenwärtigen Digitalisierung haben. Hier ist es gerade auch eine Aufgabe der Bildungs- und Forschungsinstitutionen, mitzuhelfen, dass auch diese Menschen einen positiven Nutzen aus der Digitalisierung ziehen können oder dass sie zumindest einen leichteren Zugang dazu erhalten. Mit unserer dritten strategischen Initiative «Nachhaltigkeit» versuchen wir, dem Rechnung zu tragen. Dabei sind folgende gleichberechtigte Zieldimensionen ausgewogen zu optimieren: wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (Ökonomie), ökologische Verantwortung (Ökologie) und gesellschaftliche Solidarität (Gesellschaft).

Hand in Hand gehen mit der digitalen Transformation: Für alpine Regionen ist die Digitalisierung eine Chance. Anlässlich der Techniktage konnten im August 2017 Mädchen und Knaben u.a. eine Photonics-Version von «Eile mit Weile» spielen und dabei auch Roboter Nao kennenlernen.

Die Digitalisierung prägt unser Berufs- und Privatleben – ob wir es wollen oder nicht. Für alpine Regionen wie den Kanton Graubünden ist die Digitalisierung eine grosse Chance, mit den Wirtschaftszentren vernetzt zu sein und die eigene Volkswirtschaft weiterzuentwickeln: als «Steinbock mit Laptop» eben. Unsere Aufgabe als Hochschule ist es, unsere Studierenden fit für die Digitalisierung zu machen und ihnen die Botschaft mit auf den Weg zu geben, dass im Zuge der Digitalisierung durch gezielte Innovationen eine erfolgreiche Weiterentwicklung möglich wird – unter Berücksichtigung der drei Zieldimensionen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft.

Literatur

Ceruzzi, Paul E. (2003). Eine kleine Geschichte der EDV. mitp

Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA. Wandlungsfähigkeit als Chance. https://www.ipa.fraunhofer.de/de/ueber_uns/Leitthemen/industrie-4-0/definition.html (gefunden am 28.5.2017)

Schwab, Klaus (2016). Die vierte industrielle Revolution. World Economic Forum


JÜRG KESSLER, PROF.
Rektor, Vorsitzender der Hochschulleitung

Dies ist ein Beitrag des Magazins Wissensplatz der HTW Chur.

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